Sechzehn Lesetipps aus sechzehn Sprachen haben unsere Spezialistinnen für Belletristik für Sie ausgewählt. Die literarische Reise geht von der ZB durch die Schweiz nach Sardinien. Dann über Irland und Dänemark nach Finnland. Von dort über Litauen und Polen nach Ungarn. Von Ungarn über die Türkei und Israel nach Kuwait. Und schliesslich über China, Mexiko und Brasilien zurück in die Schweiz und die ZB.

Wie wir gehen von Andreas Neeser

Wie kann man Sprachlosigkeit und Leere zwischen Vater und Tochter in Sprache umsetzen? Was braucht es, um die Verbundenheit mit jenen zurückzugewinnen, denen man ein Leben lang (vermeintlich) fremd geblieben ist? Dieser kluge Roman von Andreas Neeser zeigt es und lässt dabei Nähe und Gefühle subtil und poetisch erstarken.

Die wenigen Geräusche: späte Prosa und Gedichte von Philippe Jaccottet (aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz)

Welches Tier ist «eine Seele in Pelzpantoffeln»? Es ist nie zu spät, Philippe Jaccottet zu entdecken. Behutsam tastend, aber mit messerscharfer Sprache, beugt sich der Dichter über das Winzige in der Natur, blickt ins Tor, das der Tod aufmacht oder fängt – eben – mit einem Sprachbild eine Katze.

Eine fast perfekte Welt von Milena Agus (aus dem Italienischen von Monika Köpfer)

Milena Agus' Eine fast perfekte Welt (Terre promesse) ist ein subtiles Generationendrama aus Sardinien. In eindrücklicher und gleichzeitig feiner Sprache wird die Suche nach Heimat, Zugehörigkeit und Sinnhaftem thematisiert - teils gespiegelt aus der Perspektive der entwurzelten Emigrantin. Auch in Italienisch.

Milchmann von Anna Burns (aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll)

In ihrem Roman beschreibt die nordirische Schriftstellerin den Kampf einer jungen Frau um ein selbstbestimmtes Leben. In den troubles einer namenlosen Stadt versucht sie, unsichtbar zu bleiben und sich von Gewalt und Politik fernzuhalten. Trotzdem zieht sie Aufmerksamkeit auf sich - und Aufmerksamkeit bedeutet Gefahr. Auch in Englisch.

Die Sonne hat Gesellschaft von Dorthe Nors (aus dem Dänischen von Frank Zuber)

Menschen verlieren sich und kapseln sich ab in diesen vierzehn Kurzgeschichten. Nichts ist in dieser Prosa überflüssig: Der schlichte, präzise Erzählstil der dänischen Autorin nimmt Verzweiflung, Verlassenheit und Aufbegehren ohne Drama, dafür mit Humor auf. Auch in Dänisch.

Meeresroman von Petri Tamminen (aus dem Finnischen von Stefan Moster)

Vilhelm Huurna macht seine Sache recht als Kapitän. Das finden auch jene, die ihm ihre Schiffe anvertrauen. Aber Huurna hat einfach kein Seeglück. Alles, aber auch wirklich alles, versinkt in dieser schmalen, rührenden, tragikomischen Erzählung eines Lebens. Vertrauen Sie Vilhelm Huurna. Am Ende ist alles gesagt. Auch in Finnisch.  

Die Chroniken des Südviertels von Rimantas Kmita (aus dem Litauischen von Markus Roduner)

Der Debutroman erzählt die Geschichte eines Teenagers aus Siauliai, auch Alter Ego des Autors. Die Orientierung in der Pubertät, die wiedererlangte Unabhängigkeit des Landes Litauen und der Kapitalismus der 1990er Jahre verdichten sich in den Chroniken zu einem wilden Aufbruch. Mit den Chroniken setzt Rimantas Kmita seiner Heimatstadt ein literarisches Denkmal.

Kleine Himmel von Brygida Helbig (aus dem Polnischen von Natalie und Brygida Helbig)

Eine Tochter stellt Fragen an die Generation ihrer Eltern – und erzählt die deutsch-polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts anders, als wir sie bisher (vielleicht) kennen. Die Antworten von Vater und Mutter, beides Flüchtlinge mit lebenslangen Narben, fallen nicht ausschließlich schwarz oder weiß, deutsch oder polnisch aus.

Baron Wenckheims Rückkehr von László Krasznahorkai (aus dem Ungarischen von Christina Viragh)

An seinem Lebensende kehrt Baron Wenckheim in sein ungarisches Heimatdorf zurück – und wird von László Krasznahorkais Sprache verschlungen. In grausamen, komischen und schrecklich schönen Szenen wird das heutige Dasein auf aussergewöhnliche Weise in Worte gefasst. Ein hartes und wunderbares Buch, das zum Nachdenken anregt. Auch in Ungarisch oder Englisch.

Die Tränen des Propheten von Yavuz Ekinci (aus dem Türkischen von Oliver Kontny)

Es war sicher nicht einfach, Prophet zu sein zur Zeit des Herodes oder der Hadithe. Aber es ist es auch nicht in der Zeit der Hashtags, findet Mehdi, der mit Getöse berufen wird. Siehe! ist die Losung in diesem Schelmenroman. Ich habe mir die Augen gerieben während Mehdis absurden Wanderungen durch die Grosse Stadt, durch eine rohe Welt.

Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner von Omer Meir Wellber (aus dem Hebräischen von Ruth Achlama)

«Noch ist das Museum nicht gebaut, das alle Versionen unserer Familie aufnehmen könnte.» Der Dirigent Omer Meir Wellber komponiert in seinem Debutroman sprunghaft, assoziativ und zuweilen humorvoll die Geschichte des Chaim aus Ungarn. Seit 1944 sucht sich dieser schelmisch und verzweifelt stets neu zu erfinden, um zu überleben. Auch eine Geschichte Israels.

All that I want to forget von Bothayna Al-Essa (aus dem Arabischen von Michele Henjum)

Das Paar in dieser Liebesgeschichte aus Kuwait sind der Mensch und die Dichtung. Der Mensch ist eine junge Frau, und es ist haram, verboten, dass ihre Beziehung zur Dichtung öffentlich wird. Mensch und Poesie kämpfen in diesem Roman leidenschaftlich umeinander und für die Liebe. Der Kampf hinterlässt Spuren - in den Seelen und auf Papier.

Peking falten von Jingfang Hao (aus dem Chinesischen von Jakob Vandenberg)

Die Physikerin und Schriftstellerin Hao Jinfang antwortet in ihrer Erzählung gekonnt auf die zentrale Frage, warum gerade in den chinesischen Grossstädten die manuelle Abfallentsorgung eingeführt wurde. Sie nutzt hierfür das Genre Science Fiction, das bei der chinesischen Zensurbehörde mehr Narrenfreiheit geniesst als andere literarische Genres.

Saison der Wirbelstürme von Fernanda Melchor (aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar)

Wortgewaltig und zerstörerisch zeichnet Fernanda Melchor in ihrem Roman ein Mexiko jenseits jeglicher Idylle. Gewalt, Drogen, Armut und Aberglaube ziehen die Figuren immer tiefer in die allgegenwärtige Sumpflandschaft. Eine schonungslose, auf Tatsachenberichten beruhende Mordgeschichte. Auch in Spanisch.

Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau von Clarice Lispector (aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby)

Dieser Erzählband bietet die Gelegenheit, einige Kurzgeschichten der Brasilianerin Clarice Lispector zum ersten Mal in deutscher Übersetzung zu lesen. Gekonnt feinfühlig lotet sie das Innenleben ihrer Protagonistinnen aus, die sich im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Ansprüchen und individueller Weiterentwicklung bewegen.

Unterwegs = In viadi: Gedichte von Luisa Famos (aus dem Rätoromanischen von Luzius Keller)

Ob Sie diesen Sommer im Unterengadin unterwegs sind oder nicht: Die Poesie von Luisa Famos bietet die Gelegenheit, an äusseren und innere Orten zu verweilen, über die Böschung vom Deutsch ins Vallader zu steigen und den Augenblicken zu lauschen: Batterdögls.