Sommerlektüre!

Hier sind sie, die Lesetipps unserer Literaturspezialist*innen für den Sommer. Die Bibliothekskarte ist das Ticket, die Sprache der Kompass, Geld brauchen Sie keins, und Sie haben mindestens vier Wochen Musse, in diesen literarischen Welten aus 15 Sprachen zu verweilen. Kennen Sie ein besseres Angebot? Ab in die ZB!
Unter derselben Sonne von Nadège Kusanika
In diesem hinreissend und poetisch geschriebenen Roman führt Kusanika die Lesenden unter den Palaverbaum, den traditionellen Ort des Erzählens ihrer kongolesischen Kindheit. Sie zeigt, dass Geschichten so wichtig sind wie Atmen und Essen und verbindet damit gleichzeitig einfühlsam und humorvoll ihre beiden so unterschiedlichen Lebenswelten.
Gunk von Saba Sams
Erwachsenwerden, Kinderwunsch, Queerness und verschiedene Konzepte von Liebe und Familie: Das erlebt man in diesem Roman aus der Perspektive der Protagonistin Jules. Schwankend zwischen Selbstaufgabe und Kontrollwahn versucht Jules, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Mehr schräge Charaktere derselben Autorin finden Sie in der Kurzgeschichtensammlung Send nudes von 2022. In Englisch.
Zwei Staatsanwälte: eine Geschichte aus dem Grossen Terror von Georgi Demidow (aus dem Russischen von Thomas Martin und Irina Rastorgueva)
Der Physiker Demidow verbrachte 14 Jahre im Gulag. Obwohl er später rehabilitiert wurde, konfiszierte der KGB all seine Schriften. Posthum erscheint sein Roman über einen jungen Staatsanwalt, der während des Stalin-Terrors für Gerechtigkeit kämpft – ein Stoff, der heute erschreckend aktuell ist. Die gleichnamige Verfilmung feierte Premiere beim diesjährigen Filmfestival in Cannes und kommt 2026 ins Kino.
Die Tochter von Guadalupe Nettel (aus dem Spanischen von Michaela Meßner).
Alina erhält bei fortgeschrittener Schwangerschaft eine erschütternde Diagnose. Was bedeutet es, Mutter zu sein unter körperlich und psychisch fast nicht aushaltbaren Bedingungen? Auf der Suche nach der Grundbedeutung von Mutterliebe werden traditionelle Rollenbilder und Tabus in Frage gestellt. Ein eindrücklicher und vielschichtiger Roman aus Mexiko. Auch in Spanisch.
Wildwuchs. Erzählungen aus Wolhynien von Chaim Nachman Bialik (aus dem Hebräischen von Ruth Achlama)
Bialiks prägende Texte für Israels kulturelles Gedächtnis erscheinen erstmals auf Deutsch. Wildwuchs schildert den Aufbruch eines jüdischen Jungen gegen Konvention und Gewalt – eine Geschichte über Freiheit, Identität und Widerstand. Ayelet Gundar-Goshens Nachwort, das Bialiks Werk mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 verknüpft, unterstreicht dessen zeitlose Relevanz.
Das letzte Viertel des Mondes von Chi Zijian (aus dem Chinesischen von Karin Betz)
Der Alltag der Evenken orientiert sich an der Wanderung der Rentiere. Die Koexistenz und Verwebung von Mensch und Natur findet in der reichen Mythen- und Sagenwelt ihren Widerhall. Die Erzählungen der Witwe des letzten Evenkenhäuptlings sind Streifzüge in diesen fremden und doch eigentümlich vertrauten Kosmos. Übrigens: Der Begriff des Schamanismus hat seinen Ursprung im Evenkischen. Auch in Chinesisch.
Das Licht hinter all den Schatten von Ledicia Costas (aus der spanischen Übersetzung von Anja Rüdiger)
Julia und ihr Sohn ziehen nach der Scheidung ins ländliche Galicien zur Grossmutter. Aus der Perspektive von drei Generationen wird feinfühlig und humorvoll erzählt, wie sich die Eingewöhnung und das Zusammenleben gestalten. Dabei werden verdrängte Familiengeheimnisse aufgerollt und die schwierige Beziehung zu einem alternden Familienmitglied beleuchtet. Auch in Galicisch.
Feinschnitt Barcelona von Adrià Pujol Cruells (aus dem Katalanischen von Matthias Friedrich)
Da rappelt’s im Karton! Als Promenadenmischung aus Autofiktion und anthropologischem Essay streicht dieses Buch mit scharfen Sinnen durch Barcelona, die 90-er und Nullerjahre. Es pinkelt an die Strassenecken und kaut den katalanischen Koryphäen ein Ohr ab. Dieser ausgelassene, informative und schonungslose Trip nach ‘Barna’ verstopft bestimmt keine Strassen.
Das Land der Jungen von Dénes Krusovszky (aus dem Ungarischen von Terézia Mora)
In neun Erzählungen zeigt der Autor, wie klassische Männlichkeit an den Lebensrealitäten seiner Figuren zerbricht. Alle versuchen sie auf ihre Art, ein Rollenbild beizubehalten, das ihnen so vertraut scheint. Doch ausnahmslos finden sie ihr Kippmoment – und darin die Freiheit, vieles zu sein. Auch in Ungarisch.
Aus gleichem Holz von Marion Fayolle (aus dem Französischen von Ruth Gantert)
Marion Fayolle zeichnet in ihrem schmalen Debütroman mit unzimperlichem und gleichzeitig zartem Strich das Leben von Mensch und Tier auf einem Hof in der Ardèche. Eine Welt, die zubeisst und trockenleckt. Eine Welt, die zusammenhält. Eine Welt, die bereits von einem drohenden Ende bewohnt wird, das in ganz alltäglichen Sätzen widerhallt. Auch in Französisch.
Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen von Milica Vučković (aus dem Serbischen von Rebekka Zeinzinger)
Wie entsteht eine toxische Beziehung – und warum bleibt man darin gefangen? Der Roman von Milica Vučković blickt jenseits des Social-Media-Hypes auf das Thema und zeigt mit Tragik und Witz, wie Manipulation und Missbrauch wirken – und warum wir oft erst merken, dass wir gefangen sind, wenn es zu spät ist.
Sechzehn Monate von Fabio Andina (aus dem Italienischen von Karin Diemerling)
Ein Roman, der auf den Erlebnissen des Grossvaters des Autors basiert: Giuseppe Vaglio wird 1944 in Norditalien denunziert und von der Wehrmacht verhaftet, weil er mithalf, Juden über die Grenze in die Schweiz zu bringen. Es folgt eine 16-monatige Odyssee durch Internierungslager, KZ und schliesslich, nach Kriegsende, der lange Weg zu Fuss zurück ins Heimatdorf. Auch in Italienisch.
Tschiera von Flurina Badel
Aita kehrt nach dem Tod ihrer Mutter aus Wien ins Unterengadin zurück. Es muss über ihr Elternhaus entschieden werden. Zu welchen Gunsten? Wie das Vorhandensein von bezahlbarem Wohnraum auf den Schultern von einzelnen Menschen und Familien lastet, schildert dieser Roman eindrücklich in einer Sprache, die auch zu tanzen weiss. In Rätoromanisch. Die Übersetzung auf Deutsch wird im Frühjahr 2026 erscheinen, natürlich auch in der ZB.
Berührung von Ólafur Jóhann Ólafsson (aus dem Isländischen von Gisa Marehn)
Während der Corona-Pandemie entscheidet sich Kristofer, ein 70-jähriger Isländer, nach Japan aufzubrechen. Er möchte Miko wiederfinden. 1969 hatte er sich in London in sie verliebt. Er schmiss das Studium und arbeitete im japanischen Restaurant von Mikos Vater, bis sie verschwand. Feinsinnig und humorvoll schildert Ólafsson, wie Erinnerungen an Gefühle und Bilder viele Jahre überdauern können.
Nunaapiga. Mon cher petit territoire Diverse Autor*innen (aus dem Inuktut von Marc-Antoine Mathieu und Juliana Léveillé-Trudel)
Diese Anthologie vereint Kurzgedichte auf Inuktitut, die von und für Inuit geschrieben wurden. In Ateliers in Nunavik und Montreal entstanden, sind sie auf Französisch übersetzt, so dass sich auch Sprachlernende und Lesegäste zurechtfinden. Das Querformat des Buchs öffnet eine weite Landschaft, in der wir den Spuren von Stimmen, Sprache und Schrift folgen können.
- Liaison Librarians für Literaturen und Sprachen:
Madeleine Boxler-Klopfenstein, Gian Carlo Danuser, Vicky Karagiannis, Mirja Lanz, Tamara Lehner-Loosli, Ulrike Marx-Alberding, Andrea Sommaruga, Susanna Truniger, Željka Vulović