Die Drehbuchsammlung der Zentralbibliothek Zürich erzählt von 130 Jahren Schweizer Filmgeschichte. Als Schauplatz und Produktionsort spielt Zürich darin von Anfang an eine Hauptrolle.
Frühe Filmbilder aus Zürich und die ersten Drehbücher
Die ersten Filmaufnahmen aus Zürich datieren von 1898. Es sind dokumentarische Aufnahmen, entstanden anlässlich der Eröffnung des Landesmuseums. Aufgenommen wurden sie vom Schweizer Filmpionier François-Henri Lavanchy-Clarke. Filmisch festgehalten hat man damals, was als erinnerungswürdig galt: Besondere Ereignisse und Feste, in Zürich vor allem das Sechseläuten und Bestattungen berühmter Persönlichkeiten.
In Frankreich indes entdeckt Georges Méliès bereits 1896 die Magie des fiktiven filmischen Erzählens. Seine Filme erzählen erfundene Geschichten und sind alle inszeniert. Die weltweit frühesten Drehbücher entstehen um 1904. Ihre formale Gestaltung orientiert sich an derjenigen von Dramentexten. Diese formale Verwandtschaft ist auch bei heutigen Drehbüchern noch ersichtlich.
Unter den ersten, die sich in Zürich an Drehbücher wagen, sind Richard Schweizer, Kurt Früh, Franz Schnyder und Walter Lesch. Das derzeit älteste Drehbuch in der ZB Zürich hat Lesch 1935 als Vorlage für «Jä soo!» verfasst. Produziert wurde der Film von der Zürcher Praesens-Film AG, Regie führte Exilregisseur Leopold Lindtberg.
Wenn aus einem Drehbuch ein Film entstanden ist, versucht die ZB diesen als DVD oder via Streaming zugänglich zu machen. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Drehbücher in der ZB: Vor Aufkommen des Computers wurden Drehbücher auf Schreibmaschine getippt und Änderungen von Hand angebracht. In der ZB archivieren wir diese Typoskripte auf Mikrofilm – oder neuerdings elektronisch. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Einzusehen sind die auf Mikrofilm archivierten Drehbücher im Lesesaal unserer Handschriftenabteilung an einer Mikrofilm-Station. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Die ZB-Mitarbeitenden unterstützen Sie gerne bei deren Handhabung. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Im Dienst der geistigen Landesverteidigung und das «Kino der Väter»
Zur Zeit des Nationalsozialismus steht das Schweizer Filmschaffen im Dienst der geistigen Landesverteidigung. Während die Filme der Vorkriegszeit und der ersten Kriegsjahre wie «Füsilier Wipf» (1938) den Wert des militärischen Einsatzes loben, zeichnen später entstandene wie «Marie-Louise» (1944) und «Die letzte Chance» (1945) ein Bild der humanitären Schweiz.
Realisiert werden diese Filme von der 1924 gegründeten Praesens-Film AG Zürich. Obwohl Praesens bis in die 1960er-Jahre jährlich bis zu drei Filme produziert und auch die 1940 gegründete Gloriafilm und die 1947 entstandene Condor Film AG nicht untätig sind, dümpelte das Schweizer Filmschaffen in der Nachkriegszeit vor sich hin.
Klassiker wie Kurt Frühs «Café Odeon» (1959) und «Bäckerei Zürrer» (1957) vermitteln zwar Einblicke in die damalige Zeit. Doch sie sind in der erzählerischen und filmischen Gestaltung nicht sehr erfinderisch. Neuen Aufschwung bringt erst die von der 1968er-Revolution beflügelte Nachfolgegeneration, welche für das Schaffen ihrer Vorgänger den Begriff «Kino der Väter» prägt.
«Füsilier Wipf» von Hermann Haller und Leopold Lindtberg ist die Verfilmung einer 1917 erschienenen Novelle von Robert Faesi. Im Faesi-Nachlass in der Zentralbibliothek finden sich nebst Unterlagen zu Novelle und Drehbuch auch Ausgaben der Novelle mit Fotos aus dem Film. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Die Zentralbibliothek bietet auch Zugang zu aus den Drehbüchern entstandenen Filmen. Zum Beispiel eine Kurt Früh-Box mit DVDs von «Oberstadtgass», «Bäckerei Zürrer», «Hinter den sieben Gleisen», «Café Odeon», «Es Dach überem Chopf» und «Dällebach Kari». (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Mit zu den ersten Zürcher Filmproduktionsfirmen gehören die Praesens Film AG, Gloriafilm und Condor-Films. In der ZB findet sich zu ihrer Geschichte einiges an Literatur. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
«Züri brännt» und der «Neue Schweizer Film»
Ab Mitte der 1960er-Jahre bringen filmische Erneuerungsbewegungen wie die französische «Nouvelle Vague» und der «Neue Deutsche Film» frischen Wind ins Schweizer Filmschaffen. Die Filme werden frecher, freier und bewegen sich – auch von den Jugendunruhen befeuert – näher an der Realität.
In der Westschweiz treibt die «Groupe 5» um Alain Tanner und Claude Goretta mit Titeln wie «Charles mort ou vif» und «L’invitation» die Entstehung des «Neuen Schweizer Films» voran. In der deutschsprachigen Schweiz – insbesondere in Zürich, wo seit jeher die meisten Schweizer Filme entstehen – prägen Alexander J. Seiler, Fredi M. Murer, Richard Dindo, Rolf Lyssy, etwas später Samir, Christoph Schaub und Christian Frei diesen Wandel.
Ihre Filme bewegen sich am Puls der Zeit und fragen nach menschlicher Befindlichkeit. Sie heissen «Züri brännt», «Grauzone», «Dani, Michi, Renato und Max» und «Wendel». Die dazugehörigen Drehbücher und die Drehvorlagen für Dokumentarfilme sind auffallend freier gestaltet als die der Vorgänger. Oft sind sie illustriert und zeugen von einem neu erwachenden künstlerischen Selbstverständnis.
«Züri brännt»: Der vom Videoladen realisierte Dokumentarfilm zeugt unmittelbar von den 1980er-Jugendunruhen in Zürich. Er wurde 1981 an der Berlinale aufgeführt und gilt heute als Kultfilm. Ein Drehbuch dazu gibt es in der ZB nicht. Aber Literatur, die sich damit auseinandersetzt. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Die Frauen, endlich: Zürcher Filmemacherinnen
Zu den ersten Frauen, die in Zürich zur Filmkamera greifen, gehören Isa Hesse-Rabinovitch und Reni Mertens. Mertens realisiert ab 1952 zusammen mit Walter Marti Dokumentarfilme. Hesse dreht ab 1969 Experimentalfilme, denen in den 1980ern längere semifiktive Arbeiten folgen. Ein Drehbuch verfasst sie einzig zu «Geister und Gäste».
In der nächsten Generation folgen Gertrud Pinkus und Marlies Graf-Dätwyler. Ihre Filme tragen Titel wie «Il valore della donna è il suo silenzio» und «Behinderte Liebe» und repräsentieren, was das Werk vieler Filmemacherinnen prägt: sozialkritisches Engagement und feministisches Bewusstsein.
Bis in der Schweiz Ende der 1980er-Jahre spezifische Filmstudiengänge eingerichtet werden, erlernen Filmschaffende ihr Handwerk eigenständig, oder gehen dafür – wie Gitta Gsell und Anka Schmid – ins Ausland. Anna Luif, Andrea Staka, Petra Volpe, Eva Vitija, Bettina Oberli und andere Frauen der nachfolgenden Generation studieren an der Zürcher Hochschule der Künste. Die Handlung ihrer Filme wie «Traumland», «Das Fräulein» und «Die Liebesgeschichten der Liv S.» ist in Zürich verortet.
«Geister & Gäste»: Isa Hesse-Rabinovitch hat nur zu «Geister & Gäste» ein «richtiges» Drehbuch geschrieben. Es trug den Arbeitstitel «Schwanengesang auf ein Grand Hotel». Im Bild zu sehen ist das Exemplar, mit dem sie bei der Präsidialabteilung Förderung beantragte. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
In der Zentralbibliothek finden Sie auch Literatur über Schweizer Filmemacherinnen und – sofern erhältlich – DVDs ihrer Filme. Tipp für die DVD-Suche im Katalog: Den Titel und/oder den Regisseur bzw. die Regisseurin zusammen mit «DVD Vid» eingeben. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Scharf beobachtet – Zürcher Stadtgeschichte(n)
Seit in Zürich Filme gedreht werden, schreibt sich die Geschichte der Stadt in das filmische Schaffen ein. Ist Zürich in der frühen Phase des Films selbstverständlich Ort der Handlung, finden sich unter den Spielfilmen der 1940er- bis 1965er-Jahre viele, die wie «Café Odeon», «Oberstadtgass» und «Hinter den sieben Gleisen» via Titel auf ihre Schauplätze verweisen.
Nachdem die Vertreterinnen und Vertreter des «Neuen Schweizer Films» in den 1970er-Jahren die Macht des politisch engagierten Films entdecken, folgen in den 1990ern Filmemachende, die in Filmen wie «Downtown Switzerland» den gesellschaftlichen Wandel der Stadt Zürich mit Blick auf architektonische Veränderungen erörtern.
Zwei zeitgenössische Filmemacher, die sich mit Zürich als Ort, an dem sie leben und arbeiten, intensiv auseinandersetzen, sind Thomas Imbach und Stefan Haupt. Imbach tut dies in den Langzeitstudien «Nemesis» und «Day Is Done» mit Blick aus dem Fenster seines Ateliers über den Güterbahnhof. Haupt verflicht in «Zürcher Tagebuch» die Reflexion über die Entwicklungen der Stadt mit derjenigen über seine eigene Herkunft und Familie.
«Nemesis», «Downtown Switzerland», «Zürcher Tagebuch»: Anders als bei Spielfilmen, die auf Plakaten meist Protagonisten bzw. Darstellerinnen ins Zentrum rücken, verweisen Dokumentarfilm-Plakate öfters auf Zürich als Schauplatz. Diese Plakate werden meist auch für die DVD-Cover verwendet. (Bild: C. Schmid / ZB Zürich)
Mut zur historischen Fiktion und filmische Entfesselung
Die digitale Wende bringt im Bereich des Filmischen ab Ende der 1990er-Jahre grosse Veränderungen. Die Drehbücher, mehrheitlich in einem speziell dafür entwickelten Programm geschrieben, verlieren an individueller Note und persönlicher Handschrift. Auf der Ebene von Bild- und Tongestaltung aber eröffnen sich traumhafte neue Möglichkeiten: Musste beim analogen Film im Moment der Aufnahme möglichst alles perfekt sein, lässt sich beim digitalen Film nun jedes Bild und jeder Ton endlos weiterbearbeiten.
Das führt in moderater Anwendung zu einer neuen Freiheit, die es Stefan Haupt ermöglicht, in «Zwingli» und «Der Kreis» das Zürich des frühen 16. Jahrhunderts und der 1950er- und 60er-Jahre wiederaufleben zu lassen. In der konsequenten Anwendung führen die Möglichkeiten des Digitalen zu einer Entfesselung der filmischen Form, in der reales Geschehen, Traum und Science-Fiction nahtlos ineinander übergehen. Was dabei möglich ist, zeigen die Zürcher Jungfilmer Lorenz Merz und Lorenz Suter in ihren phasenweise ins Traumhafte gleitenden Filmen «Soul of a Beast» und «Norma Dorma».