Ernst Stückelberg, Porträt von Johann Rudolf Rahn, Öl auf Leinwand, 1878.

Johann Rudolf Rahn wird wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste häufig als «Vater der Schweizer Kunstgeschichte» und als «Pionier der Schweizer Denkmalpflege» apostrophiert. Er war der erste Professor für Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Auf seine Initiative hin wurde 1880 die «Schweizerische Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenkmäler», die spätere GSK, gegründet. Seine Passion galt dem Zeichnen. Er hinterliess 1912 der damaligen Stadtbibliothek Zürich seinen zeichnerischen Nachlass. In mehr als fünf Jahrzehnten waren über 5000 Zeichnungen und zahlreiche Skizzenbücher entstanden.

Der Historienmaler Ernst Stückelberg porträtierte Rahn als arrivierten Gelehrten. Stückelberg und Rahn waren ein Leben lang eng befreundet. Beim Wettbewerb für die Fresken in der neu zu errichtenden Tellskapelle am Urnersee gehörte Rahn der Jury an. Wie aus einem Brief Stückelbergs hervorgeht, ermutigte ihn sein Freund, am Concours teilzunehmen. Stückelberg erlangte den ersten Preis (1877). Sein von der Überlieferung abweichender Entwurf der drei Eidgenossen war Anlass für eine erbitterte Kontroverse. Erst als Stückelberg an Eides statt erklärte, sich an die überlieferte Bildformel der drei stehenden Eidgenossen zu halten, zog die Kantonsregierung von Uri ihr Veto zurück. Zwischen 1880 und 1882 konnte der Künstler seine Fresken ausführen. Am 24. Juni 1883 wurde in einem pompösen Festakt unter Anwesenheit von zwei Bundesräten, Vertretern verschiedener Kantonsregierungen und einer grossen Zahl weiterer Gäste das neue Nationalheiligtum der Urner Regierung übergeben. In der Folge avancierte Stückelberg zum Nationalkünstler.

Alljährlich am 1. August treten Erinnerungsorte wie die Tellskapelle verstärkt ins öffentliche Interesse. Hingegen sind Protagonisten wie Rahn und Stückelberg, die sich im noch jungen Bundesstaat für die Erhaltung des kulturellen Erbes und für die Schaffung identifikationsstiftender Denkmäler einsetzten, in Vergessenheit geraten. Rahns Porträt konnte 2022 erworben werden.


- Barbara Dieterich
Graphische Sammlung und Fotoarchiv