Der Ausschnitt aus der Fluchtkarte zeigt das Küstenverteidigungsgebiet, die südliche Grenze zur Sperrzone sowie die besetzten und unbesetzten Gebiete Frankreichs. (Bild: ZB Zürich)

Im Dezember 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde beim Britischen Militärgeheimdienst in London eine neue Abteilung gegründet: der MI9. Die Hauptaufgabe des MI9 bestand darin, alliierten Soldaten, die hinter den feindlichen Linien mit dem Flugzeug abgeschossen oder gefangen genommen wurden, die Flucht zurück nach Grossbritannien zu ermöglichen. Das wichtigste Hilfsmittel für eine solche Flucht sollte eine Landkarte sein, eine sogenannte Fluchtkarte oder auf Englisch «Escape Map».

Für diese Fluchtkarten wandte sich der MI9 an den renommierten Kartenverlag John Bartholomew & Son Ltd. aus Edinburgh. John Bartholomew stellte dem MI9 nicht nur seine detaillierten Karten Europas, Afrikas und des Nahen Ostens zur Verfügung, er lieferte dazu auch die originalen Druckplatten und verzichtete dabei auf die Urheberrechte. Dies war ein Akt grosser Loyalität, denn der MI9 fertigte mit diesen Druckplatten im Laufe des Krieges über 300'000 Kopien der Bartholomew & Son-Karten an.

Schnell wurde klar, dass ein strapazierfähigeres Material als Papier für die Herstellung der Fluchtkarten benötigt wurde: Papier raschelt, zerreisst und hält weder Wasser noch Feuer stand, es ist also denkbar ungeeignet für Piloten und Soldaten auf der Flucht. Die Lösung des Problems bot sich in Form von Fallschirmseide.

Die Fluchtkarten wurden zum Teil direkt in Uniformen eingenäht oder als Taschentücher getarnt. Mit dieser Methode konnten Soldaten und Piloten unauffällig auf ihre Karten zugreifen, denn eine Person mit vermeintlicher Erkältung konnte sich in feindlichem Gebiet unauffälliger bewegen als jemand, der eine grosse Militärkarte ausbreitete.

Für Soldaten, die ohne diese Karten festgenommen oder deren Fluchtkarten nach der Festnahme beschlagnahmt wurden, mussten diese Fluchthilfen in die deutschen Kriegsgefangenenlager eingeschmuggelt werden. Hier bewiesen die Fluchthelfer Einfallsreichtum: Monopoly-Spiele, Nähsets und Baumwollfadenspulen dienten als Tarnung. In ihnen wurden neben den Fluchtkarten auch Kompasse, Bargeld und andere überlebenswichtige Utensilien versteckt. Trotz fehlender Zahlen erwiesen sich die Karten als ausserordentlich effektiv und dürften massgeblich zur Rettung zahlreicher Menschenleben beigetragen haben.

Diese und weitere Schätze finden Sie im Bestand der Abteilung Karten und Panoramen.


- Angelika Principe
Karten und Panoramen