Ein Workshopbericht von Rhea Rieben, Willy-Bretscher-Fellow

Unterschiedlicher hätten die Projekte nicht sein können. Auf den 2. Februar lud ich eine Handvoll Forscher:innen und Vertreter:innen aus der Praxis zum Workshop «Doing Digital Public History: Forschung und Praxis» im Rahmen des Willy-Bretscher-Fellowships in die ZB ein. Was die Referate verband: das «Geschichte-Machen» an der Schnittstelle von Public History und Digital Humanities.

Gemeinsam Geschichte machen

Den Einstieg in den Workshop-Tag machen Simone Rosenkranz und Sandra Studer. Sie stellen das Projekt «Zentralgut» der Zentralbibliothek Luzern vor. Die Plattform bündelt Kulturgüter Zentralschweizer Kultur- und Gedächtnisinstitutionen in digitaler Form. Sie lädt aber auch Nutzer:innen dazu ein – im Sinne von Crowdsourcing-Projekten – selbst das Portal zu befüllen. In Planung ist ein Projekt mit einem Luzerner Quartiersverein.

Martin Munke (SLUB Dresden) gibt in seinem Vortrag einen Einblick in die Möglichkeiten des Wikiversums für Citizen Science Projekte. Zentral, so Munke, seien offene Kulturdaten: was die Bibliotheken zur Verfügung stellen, aber auch was anschliessend damit passiert. Ein Schlüssel sei das Bildungsangebot durch Bibliotheken, aber auch die Zusammenarbeit mit Historischen Vereinen und Freiwilligen.

Im digitalen Raum erzählen

Christine Szkiet von der PH Luzern entführt uns in ihrem Vortrag in die digitale Erzählwelt zum Innerschweizer Künstler Heinrich Danioth. Der Fokus des Projekts, bei dem sie mit Studierenden der PH Luzern zusammengearbeitet hat, liegt auf der Narrativierung von Quellenmaterial: durch transmediales Storytelling soll ein Kosmos geschaffen werden, um Geschichte erfahrbar zu machen.

Porträt von Fritz Platten, undatiert (eingefärbt). Zentralbibliothek Zürich, SGA Ar 21.45.05

Auch für Storytelling interessiere ich mich gemeinsam mit Jan Zimmermann und Elias Kreyenbühl vom ZB Lab. In unserem Projekt über den Schweizer Kommunisten Fritz Platten, experimentieren wir mit nicht-linearem Erzählen. Erarbeitet haben wir drei digitale Rundgänge (aufgeschaltet ab dem 20. März 2024), in denen Nutzer:innen aufgefordert sind, sich selbst eine Meinung zu der umstrittenen Figur von Fritz Platten zu bilden.


Aufbewahren und Vermitteln

In eine ganz andere Richtung geht das Projekt «Zusammenfrauen» des Gosteli-Archivs. Lina Gafner und Tabea Fröbel zeigen, dass ihre Institution eine Doppelfunktion hat. Das Gosteli-Archiv bewahrt und dokumentiert die Geschichte der Frauenbewegung, ist aber selbst auch Teil davon. Mit der Kampagne «Zusammenfrauen» sollen Akteurinnen der Frauenbewegung von zwei Dingen überzeugt werden: das Gosteli-Archiv ist ihr Archiv und jede Geschichte ist es wert ins Archiv zu kommen.

Auf Längerfristigkeit angelegt ist auch das Projekt forschung.stadtgeschichtebasel.ch, vorgestellt von Moritz Mähr (Uni Basel). Im Rahmen der neuen Stadtgeschichte Basel soll diese digitale Plattform als virtueller Speicher von Daten zur Basler Geschichte entstehen. Mähr betont dabei die Wichtigkeit von Research Data Management nach dem FAIR-Prinzip (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable).

Geschichte im digitalen Klassenzimmer

Auf die Anwendung von digitalen Tools für Schüler:innen konzentrieren sich die beiden Referent:innen von der PH Zürich. Jose Cáceres stellt das Projekt «Geschichte(n) für die globale Gegenwart» vor. Entwickelt wird eine digitale Plattform auf der Schüler:innen sich mit kolonialer und postmigrantischer Geschichte auseinandersetzten können. Die im Zentrum des Projekts stehenden Objekten sollen relationales Denken fördern und eurozentrische Masternarrative aufbrechen.

Alexandra Krebs wiederum hat in ihrem Forschungsprojekt die Lernplattform «App in die Geschichte» entwickelt, um damit forschendes und entdeckendes Lernen zu fördern. Das Herzstück der App ist das digitale Archiv: Schüler:innen sind aufgefordert, selbst die Quellen zu entdecken und eine Position zu bestimmten Fragestellungen zu entwickeln. Sie kann in ihrer Forschung zeigen wie die App von den Schüler:innen unterschiedlich genutzt wird, um die gestellten Aufgaben zu lösen.

Kolonialismus aufgearbeitet

Die beiden letzten vorgestellten Projekte zeigen, dass im Bereich der Public History die Grenzen zum Aktivismus fliessend sind. Monique Ligtenberg repräsentiert das Kollektiv Zürich Kolonial. Der Verein erarbeitet in erster Linie digitale Stadtrundgänge durch Zürichs koloniale Vergangenheit, bietet aber auch physische Rundgänge an. Ligtenberg betont, dass hybride Modelle was Zielgruppen, Kosten und auch Aufwand betrifft, für sie die beste Lösung darstellen.

Barbara Miller stellt die Website colonial-local.ch zur Kolonialgeschichte Fribourgs vor. In diesem antirassistischen Bildungsprojekt wird bewusst auf die Reproduktion von rassistischen Bildern verzichtet. Ziel des Bildungsprojekts ist es mitunter Lehrpersonen Material zur Hand zu geben. Auch gibt es die Möglichkeit zur Partizipation in einem Blog. Problematisch ist vor allem die Geldbeschaffung: der freiwillige Einsatz ist gross und Veränderungen an der Website kosten.

Diskutiert wurde deshalb auch stark welche Themen gefördert werden oder eben nicht. 

Zum Schluss die Key Note Lecture - ist das Digitale die Zukunft?

Ist digital die Zukunft?

Thomas Cauvin von der Universität Luxembourg diskutiert abschliessend in seiner Key Note Lecture die Frage: Is Digital the Future of Public History? Die Zugänglichkeit von Geschichte durch die Möglichkeiten des Digitalen fordern uns auf, so Cauvin, in einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten, unsere Sprache zugänglich zu machen und gemeinsam mit der Öffentlichkeit Geschichte zu machen. Seiner Meinung nach zwingt uns das Digitale unser Handwerk neu zu denken, Machtstrukturen aufzubrechen und Autorität, Expertise und Relevanz zu überdenken.

Echte Interdisziplinarität 

Der Workshoptag hat gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit Digitalem in der Public History verschiedene Formen annehmen kann. Das rege Interesse und die spannenden Fragen aus dem heterogenen Publikum haben deutlich gemacht, dass gerade die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen, wie dies für die Public History üblich und notwendig ist, Raum für spannende Fragestellungen und kreative Ideen schafft.



     Willy-Bretscher-Fellow an der Zentralbibliothek Zürich