Das Stiefkind der Forschungsförderung: die Retrodigitalisierung
Mittlerweile sind Open Access und Open Data zentrale Paradigmen der wissenschaftlichen Kommunikation. Der freie Zugang und die nachhaltige Sicherung von Forschungsdaten stellen wichtige Aspekte des Forschungsdatenmanagements dar. Für die Förderinstitutionen wie den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) oder die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) haben Fragen zur Informationsinfrastruktur (wie eben Datensicherung und –zugang) zentrale Bedeutung und sind ein wichtiger Faktor für den Entscheid, ob ein Forschungsprojekt finanziell unterstützt werden soll.
Retrodigitalisierung als wichtige Aufgabe
Auffällig – oder vielleicht besser: irritierend – ist, dass ein Bereich von der Forschungsförderung sehr stiefmütterlich behandelt wird: die Retrodigitalisierung. Diese Form der Digitalisierung ist für viele geisteswissenschaftliche Editionsprojekte unabdingbar, die handschriftliche Dokumente digital zugänglich machen. Und auch für Museen, Archive und Bibliotheken – und selbstredend auch für die ZB - ist die Retrodigitalisierung eine wichtige Aufgabe, um dem Auftrag der Aufbewahrung, Sicherung und Präsentation von Kulturgut nachzukommen.
Bibliotheken als indirekte Forschungsförderer
Wissenschaftliche Forschungsprojekte, die Bedarf an Digitalisaten haben, können momentan bei den nationalen Förderinstitutionen keine oder nur geringe Beiträge für die Retrodigitalisierung beantragen. Das bringt Bibliotheken oder andere bestandshaltende Institutionen in eine Zwangslage: Denn die Projekte benötigen die Digitalisate, um das Vorhaben durchzuführen. Dies ist aber nur möglich, wenn Bibliotheken – wie etwa die ZB - den Projekten in dieser Situation entgegenkommen und die Scans ohne angemessene Kostenrechnung produzieren und abgeben. Bibliotheken werden dadurch (ungewollt) zu indirekten Forschungsförderern: ohne ihren Beitrag könnten Projekte nicht realisiert werden.
Vorbild DFG?
Die Förderpolitik der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist in diesem Bereich anders ausgerichtet: Seit Jahren schreibt sie ganz gezielt Digitalisierungsvorhaben aus (Bsp. Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften oder historischer Zeitungen). Dies könnte auch für den SNF oder die SAGW als Vorbild dienen, den bislang vernachlässigten Bereich der Retrodigitalisierung in der Forschungsförderung besser zu berücksichtigen. Der Sache angemessen wäre es: Die Digitalisate stellen Grundlagen im Bereich der wissenschaftlichen Informationsversorgung dar und sind als weithin und vielfältig nachnutzbare Forschungsinfrastrukturen anzusehen.
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Leiter Produktionsmanagement Digitalisierung |

