90 Jahre SJW-Hefte
„Wie fein, dass wir nun auch ein eigenes schweizerisches Jugendschriftenwerk besitzen!“, frohlockte die Schweizerische Lehrerinnenzeitung (S. 179-180) im Februar 1933 und stellte die erste Serie von zwölf Leseheften für Kinder vor, die im März 1932 im Schweizerischen Jugendschriftenwerk (SJW) erschienen war. Das 1931 gegründete SJW hatte es sich zum Ziel gesetzt, im Kampf gegen «Schund und Schmutz» dem jugendlichen Lesepublikum «gute» Literatur in Heftform zu einem günstigen Preis anzubieten (Abb. 1). Gegründet wurde es von Lehrpersonen und Jugendschriftstellern, Mitgliedern der Schweizerischen Jugendschriftenkommission und der Pro Juventute. Die Chefredaktion hatte von 1937 bis 1970 der Lehrer und Autor Fritz Aebli inne. Schon bald gab es die Hefte in den anderen Landessprachen, inzwischen sind auch Ausgaben in Englisch und in Brailleschrift erhältlich. Verkauft wurden die Lesehefte direkt an den Schulen durch die Lehrerschaft, wodurch ein effizientes und konstantes Vertriebsnetz gesichert war. Die Ausstellungsboxen für Schulen gibt es immer noch, die Leseförderung wird aber heute auch mit Lesungen von SJW-AutorInnen betrieben.

Erklärter Feind des SJW war die sogenannte «Schundliteratur»: Billige, am Kiosk erhältliche Hefte über Abenteurer und Krimihelden wie Frank Allen und Harry Piehl, versehen mit auffälligen Umschlägen. Diese waren Verfechtern der «guten» Kinderliteratur wie Fritz Brunner, Schriftsteller und Mitbegründer des SJW, ein Dorn im Auge und galten als qualitativ und moralisch verwerflicher «Schmutz», dem man qualitätvolle Literatur entgegensetzen wollte. Neben der Auswahl von Schriften namhafter und beliebter SchriftstellerInnen wie Olga Meyer, Traugott Vogel, Fritz Wartenweiler oder Johanna Spyri galt es, das Lesepublikum durch eine auffallende, aber geschmackvolle und künstlerisch anspruchsvolle Gestaltung zu gewinnen.
Heft Nr. 1
Das Titelbild als Kaufhilfe und Eingangstor zum Leseerlebnis gleichermassen spielte eine wichtige Rolle, wie es am ersten SJW-Heft Der Klub der Spürnasen von Fritz Aebli abzulesen ist: Gekonnt setzte der Grafiker Gregor Rabinovitch im Titelbild (Abb. 2) Elemente just aus der Gestaltung der verfemten Schundhefte (und auch von Filmplakaten) ein und wandelte sie für das Rätselheft ab: Der unheimliche Schatten hinter dem Jungen im Zentrum, der gleichsam ein Eigenleben entwickelt, die plakative Farbigkeit sowie die grelle Beleuchtung der Gesichter von schräg unten, die eine mysteriöse, unwirkliche Stimmung erzeugt. Während im Heftinneren eher harmlose Rätsel und Denkaufgaben zu finden sind, hat Rabinovitch gerade mit dem ersten Heft mutig die künstlerische Brücke vom Schundheft zum anerkannten Lese- und Beschäftigungsheft geschlagen.
In den nächsten Jahrzehnten buchstabierten die Illustrationen der SJW-Hefte die Bildsprache verschiedener politischer und künstlerischer Strömungen durch. Als Zeitdokumente illustrieren sie in Verbindung mit den ausgesuchten Texten den Zeitenwandel von der Geistigen Landesverteidigung über die Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert.
Künstlerische Entwicklungen und der Zeitgeist
Individuelle Werdegänge Schweizer KünstlerInnen lassen sich ebenso an ihren Illustrationen nachverfolgen wie die zeithistorischen Hintergründe. So hat der Basler Grafiker und Plakatkünstler Donald Brun zwischen 1945 und 1980 elf SJW-Hefte gestaltet. An dieser Zeitspanne lässt sich einerseits die Weiterentwicklung des Künstlers ablesen, anderseits aber auch die Veränderung des Zeitstils: Das Titelbild der Geschichte Pack den Rucksack von Otto Binder 1945 ist noch ganz der figürlich-realistischen Darstellungsweise der 1940er Jahre verhaftet: Ein Junge mit Wanderausrüstung schreitet fröhlich aus einer miniaturhaften, mit Hochhäusern, Baukränen und Fabrikschloten als Stadt markierten Gegend einer unverbauten, alpinen Landschaft entgegen, an deren Ende das schneebedeckte Matterhorn vom strahlenden Morgenrot der aufgehenden Sonne hinterfangen wird. Der Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit wird hier in einer klaren, eingängigen Bildsprache gefasst. Hingegen erschliesst sich der Inhalt von Bruns Titelgestaltung von L’enfant des flots von 1978 nicht sofort: Eine grünlich-bläulich schimmernde Unterwasserszene, ein Mädchengesicht, das, umschwommen von kleinen bunten Meerestieren, gleichsam aus einer Koralle herauszuwachsen scheint, mutet schon beinahe psychedelisch an und ist klar ein ästhetisches Kind der 1970er. Als Collage aus Seidenpapier, Aquarellzeichnung und einer vermutlich als Abklatsch aufgebrachten Farbstruktur wird der geheimnisvolle Inhalt auch im Bild diffus und schleierhaft.
Für weitere Auflagen erfolgreicher Hefte wurden gerne neue Illustrationen in Auftrag gegeben, um den Kauf attraktiv zu machen – somit gibt es von manchen Themen ganz unterschiedliche künstlerische Interpretationen. Im SJW-Archiv werden auch verschiedene, verworfene oder abgeänderte Entwürfe einzelner KünstlerInnen bewahrt und somit ein Einblick in künstlerisch-verlegerische Entwicklungsprozesse der Hefte vermittelt.
Das SJW als Standbein und Sprungbrett für Illustratorinnen
Während manche Künstlerinnen wie Martha Pfannenschmid, Regina de Vries (Abb. 5) oder Helen Kasser über mehrere Jahre hinweg für das SJW illustrierten, blieben andere wie Lill Tschudi, Klara Fehrlin oder Johanna Fülscher bei einem einmaligen Gastspiel als Illustratorinnen. Aufträge wurden auch an eher unbekannte Zeichnerinnen wie Trudi Haas vergeben, die 1939 eine ganze Serie von Geschichten Johanna Spyris illustrierte. Sita Jucker hat über drei Jahrzehnte hinweg 26 Hefte gestaltet und gehört damit zu den aktivsten SJW-Illustratorinnen. Das SJW bildete für die einen ein dauerhaftes Standbein, für andere hingegen eine Zwischenstation auf ihrem künstlerischen Werdegang. Die später als Experimentalfilmerin bekannt gewordene Isa Hesse-Rabinovitch hat ebenfalls einige Hefte gestaltet. Während sie für ihre Gestaltungen der 1950er- und 1960er-Jahre Zeichentechniken wie Neocolor und Tusche eingesetzt hatte, verwendete sie für die Reisereportage Ceylon, die paradiesische Insel von 1970 ausschliesslich Fotografien (Abb. 6).
Vom Gestern ins Morgen
2022 wird das SJW-Heft 90 Jahre alt. Nach wie vor erscheinen die sorgfältig und ansprechend gestalteten Lesehefte. Illustrationen von Anete Melece, Kathrin Schärer oder das Illustratorinnen-Duo It's Raining Elephants tragen zum heutigen Erscheinungsbild der Hefte bei. 2007 fand im Lesesaal der ZB eine Ausstellung über Geschichte und Bedeutung des SJW statt und auch die Forschung hat sich bereits dem SJW und seinen Themen gewidmet.
Die seit 1932 verwendeten Originale für Umschläge und Innenillustrationen werden seit 1990 im SJW-Archiv in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich bewahrt. Über 140 Schachteln enthalten die Entwürfe und Vorlagen sowie die gedruckten Hefte, seit einigen Jahren auch die digitalen Vorlagen. Eine Auswahl der Originalvorlagen wurde digitalisiert und bildet einen Querschnitt durch die Jahrzehnte, der in swisscovery abrufbar ist. Darüber hinaus ist eine Übersicht der Hefte von Nr. 1 bis 2300 mit Hinweisen auf die vorhandenen Originale in zbcollections verfügbar.
Links & Literatur
«Schweizerisches Jugendschriftenwerk (SJW)», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1933. (S. 179-180)
«Kampf der Schundliteratur – 20 Jahre SJW», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1951. (S. 216-218)
«25 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1956. (S. 84)
Fritz Brunner, 50 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk, Zürich: Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 1981.
Charles Linsmayer, «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend.» 75 Jahre SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk / «Un Grutli spirituel pour la Jeunesse Suisse». 75 an OSL Oeuvre Suisse des Lectures pour la Jeunesse, Zürich: Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 2007.
Fritz Franz Vogel, SJW-Heftli. Ein gutes Stück Schweizer Illustrationsgeschichte, Wädenswil: Verlag im Pfeil im Auge, 2008.
Pirmin Meier, «Eine unheroische Zeit: Der Erste Weltkrieg in Heften des Schweizer Jugendschriftenwerks (SJW)». In: Der vergessene Krieg. Spuren und Traditionen zur Schweiz im Ersten Weltkrieg, hrsg. von K. J. Kuhn und B. Ziegler, Baden: Hier + Jetzt, 2014.
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Kunsthistorikerin |






