Ursprünge und Geschichte der Zentralbibliothek

Geschichte der Zentralbibliothek Zürich

Die Zentralbibliothek Zürich ist Stadt- , Kantons- und Universitätsbibliothek von Zürich. Der Name „Zentralbibliothek“ ist Programm, denn sie ist in corpore das Ergebnis der seit den 1890er-Jahren angestrebten Zusammenlegung von Kantons- und Stadtbibliothek, der 1914 vom Volk zugestimmt wurde. Die Wurzeln der ZB reichen mit der Stadtbibliothek zurück bis in die Barockzeit, gar bis ins Frühmittelalter mit der Bibliothek des Chorherrenstifts.

Stiftsbibliothek, Kantons- und Universitätsbibliothek

Die Anfänge der Zürcher Bibliotheksgeschichte – und damit auch die der Zentralbibliothek – reichen mit der erstmals im Jahr 1259 durch Statuten belegten Bibliothek des Zürcher Chorherrenstifts St. Felix und Regula bis in das frühe Mittelalter zurück. Ein grosser Teil dieses Bestandes ging allerdings mit dem Büchersturm der Reformation vom 14. September 1525 verloren. Die Stiftsbibliothek blieb als solche zwar noch bestehen, aber die Zahl der vorhandenen Werke war auf nur noch 470 Bände geschrumpft.
Ab 1532 setzte sich der Elsässer Humanist Konrad Pellikan (1478–1556) für die Stiftsbibliothek ein und baute sie mit den in Zürich und Umgebung vorhandenen Büchern aus Kirchenbesitz und der vom Stift für 200 Pfund angekauften Privatbibliothek Huldrych Zwinglis (1484–1531) konsequent auf. Sein bis 1551 geführter Katalog weist etwa 770 Bände (Handschriften und Drucke) mit ungefähr 1100 Titeln nach. Zahlreiche Ankäufe und Schenkungen erweiterten in den folgenden drei Jahrhunderten den Bestand nachhaltig.
1831 wurde das Chorherrenstift aufgelöst. Die nunmehr rund 3500 Bände mit 14'000 Titeln umfassende Bibliothek bildete den Grundstock der 1835 neu gegründeten Kantonsbibliothek. Hinzu kamen gemäss Beschluss des Regierungsrates die Bestände der 1833 errichteten Universität (ca. 340 Bände), der 1827 eingerichteten Gymnasiumsbibliothek mit vorwiegend theologischen und philosophischen Schriften (ca. 1700 Bände), der Industrieschule (einige wenige Titel) und der Tierarzneischule (etwa 110 Bände). 1863 übernahm die Kantonsbibliothek auch die sehr umfangreiche Bibliothek des 778 gegründeten Benediktinerklosters Rheinau, das ein Jahr zuvor aufgelöst worden war, mit 12'000 Bänden (darunter 200 Pergament- und 230 neuzeitliche Papierhandschriften sowie Druckschriften aus Theologie, Philosophie und Geschichte).
Anlass für die Gründung einer „Bibliothek der Cantonal-Lehranstalten“, deren Räumlichkeiten sich zunächst im Hinteramtsgebäude des ehemaligen Augustinerklosters, ab 1855 im alten Münzgebäude und schliesslich ab 1873 im Predigerchor befanden, waren die langen und letztlich unlösbaren Zwistigkeiten zwischen den Angehörigen der noch jungen Universität und der 1629 gegründeten Stadtbibliothek. Letztere beharrte gegenüber den von auswärts stammenden Professoren auf ihren traditionellen Zulassungsbestimmungen, die den Zutritt zur Bibliothek praktisch ausschliesslich Angehörigen der Zürcher Stadtbürgerschaft gestatteten. Für die Universität war dies ein inakzeptabler Zustand; die Gründung der Kantonsbibliothek, die mit den Aufgaben einer wissenschaftlichen Bibliothek betraut wurde, war die Folge.
 

Stadtbibliothek

Die Geschichte der Stadtbibliothek war zunächst parallel zu der des Chorherrenstifts verlaufen: Am 6. Februar 1629 beschlossen vier junge Zürcher Kaufleute die Gründung einer Stadtbibliotheks-Gesellschaft, die sich zum Ziel setzte, eine allgemein zugängliche, wissenschaftliche Bibliothek für die Stadt Zürich einzurichten – gewissermassen als Pendant zu der des Chorherrenstifts, die primär nur den Mitgliedern des Kapitels offenstand. Mit Beginn des Jahres 1634 öffnete schliesslich die zunächst noch in Privaträumen untergebrachte „Bibliotheca nova Tigurinorum publico-privata“ ihre Pforten in der spätgotischen Wasserkirche, einem seit der Reformation als Lagerhaus zweckentfremdeten Bau. Die Bestände der Bibliothek wuchsen nicht zuletzt aufgrund der regen Spendentätigkeit der Zürcher Bürger rasch an. Innerhalb nur weniger Jahre entwickelte sich die Bibliothek mit ihren Büchern und Münzen, ihrer Kunst- und Naturaliensammlung zum Schatzhaus und Gelehrtentempel Zürichs.
Von Beginn an beanspruchte die Stadtbibliothek für sich die Rolle einer universellen, alle Wissensgebiete umfassenden Sammlung. Doch seit der Gründung der Naturforschenden Gesellschaft durch den Chorherren Johannes Gessner (1746), der Medizinisch-chirurgischen Bibliotheksgesellschaft durch den Chorherren Johannes Heinrich Rahn (1780), der Juristischen Bibliotheksgesellschaft (1823) und der Antiquarischen Gesellschaft (1832), letztlich aber mit der Gründung der Kantonsbibliothek verlegte sie ihren Anschaffungsschwerpunkt nach und nach auf die Geisteswissenschaften und Turicensia.
Als erste schweizerische Bibliothek überhaupt gab die Stadtbibliothek 1744 einen gedruckten Katalog ihrer Bestände heraus; der letzte Katalog von 1900/01 war bereits 12-bändig. Zwischen 1899 und 1907 wurde von Wilhelm Wyss erstmals ein Schlagwortkatalog erstellt
 

Zentralbibliothek: Stadt- Kantons- und Universitätsbibliothek

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Ruf nach einer zentralen Bibliothek für Zürich immer lauter. Der Zeitpunkt schien günstig, denn sowohl Stadt- als auch Kantonsbibliothek litten unter notorischem Platzmangel. Schliesslich trieb Hermann Escher (1857–1938), seit 1887 Leiter der Stadtbibliothek und seit 1896 durch seinen Sitz in der Aufsichtskommission auch mit der Kantonsbibliothek verbunden, den Plan nach einer zentralen Bibliothek energisch voran. Erstes wichtiges Ergebnis dieser Bestrebungen war der seit 1901 dem Publikum zur Verfügung stehende Alphabetische Zentralkatalog, der die Bestände sämtlicher Bibliotheken der Stadt Zürich verzeichnete.
Im Jahr 1914 sprachen sich die Stimmberechtigten von Stadt und Kanton Zürich mit deutlicher Mehrheit für den Zusammenschluss von Stadt- und Kantonsbibliothek aus. Mit Hilfe grosszügiger privater Mittel nahm die Zentralbibliothek 1916 den Betrieb auf und öffnete 1917 als öffentliche Stiftung – mit Stadt und Kanton zu gleichen Teilen als Trägern – unter der Leitung Hermann Eschers ihre Tore.
Etwa achtzig Jahre später, nach Jahren akuten Platzmangels und der Auslagerung in zahlreiche Aussenmagazine, bezog die Zentralbibliothek die Räumlichkeiten des 1990 bis 1994 an der Stelle der alten Magazinbauten am Zähringerplatz errichteten Erweiterungsbaus. Im 1995 umgebauten und renovierten Altbau befinden sich seither die Spezialsammlungen mit Ausnahme der Musikabteilung, die im Predigerchor untergebracht ist.