Graeser, Wolfgang (1906–1928)


Mathematiker, Musikforscher

Porträt von Wolfgang Graeser

Signatur: Mus NL 162

Musikmanuskripte, Musikdrucke, Textmanuskripte, Druckschriften, Briefe, Bildmaterial, Varia. – 1 m.
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Wolfgang Graeser, am 7. September 1906 in Zürich geboren, verbrachte seine Kindheit in Neapel, wo sein Vater, der Schweizer Mediziner Carl Graeser, das Deutsch-Schweizerische Hospital leitete. Graesers Mutter, die Deutsche Lily Graeser-Obenaus, hatte in Leipzig bei Adolph Brodsky Violine studiert. 1917 wurde die Familie aus Italien vertrieben; in der Folge besuchte Graeser von 1917 bis 1921 in München das Theresiengymnasium und erlangte 1924 nach Privatunterricht in Berlin bereits mit 17 Jahren das Reifezeugnis. Anschliessend studierte er an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität im Hauptfach Mathematik, daneben Physik und orientalische Sprachen; am 16. Februar 1928 wurde er mit 21 Jahren promoviert.
Bereits im Kindesalter zeigte sich Graesers aussergewöhnliche Begabung auch auf künstlerischem Gebiet. So entstanden Gemälde und Zeichnungen, die im Juni 1919 in den Münchener Graphischen Kunstwerkstätten als „Bilder eines Knaben. Malereien und Handzeichnungen eines Zwölfjähren“ ausgestellt wurden. Zudem spielte er Violine; von 1922 bis 1923 erhielt er Unterricht bei Karl Klingler. Früh beschäftigte er sich mit der Musik von Johann Sebastian Bach; bereits mit 13 Jahren hatte er das Musikalische Opfer abgeschrieben und mit Streichern zur Aufführung gebracht.
Zu Graesers bleibendem Verdienst wurde die Neuordnung des zweiten Teils der Kunst der Fuge BWV 1080 ab Contrapunctus XII. 1923 hatte er in einem Berliner Antiquariat Hans Georg Naegelis Ausgabe der Kunst der Fuge von 1802 erwerben können. Nach Studien der betreffenden Autographe in der Staatsbibliothek und dank seinem mathematischen Studium gelang es ihm, die disparaten Fugenteile in eine Ordnung zu bringen, die bis heute Gültigkeit hat. Seine kritische Ausgabe des Werks wurde 1926 nachträglich als Supplementband in die bereits 1900 abgeschlossene Gesamtausgabe aufgenommen. Ab 1924 war Graeser an Vorträgen für seine Entdeckung eingetreten und hatte in der Fachwelt grosses Aufsehen erregt; Persönlichkeiten wie Oswald Spengler und Albert Schweitzer zählten in der Folge zu seinem Freundeskreis. Am 26. Juni 1927 gelangte schliesslich Graesers Neufassung der Kunst der Fuge in der Leipziger Thomaskirche unter der Leitung von Karl Straube mit Streichorchester zur Uraufführung.
In seiner Umtriebigkeit veröffentlichte Graeser ebenfalls 1927 sein erstes Buch, Körpersinn, weitere Vorträge und Artikel blieben weitgehend unveröffentlicht. Gleichzeitig machte sich bei ihm zunehmend eine depressive Veranlagung bemerkbar. Im Frühjahr 1928 unternahm Graeser noch eine Forschungsreise nach Ägypten; am 13. Juni 1928 nahm er sich im Alter von 21 Jahren in Berlin das Leben.
Der Nachlass verblieb im Besitz von Wolfgang Graesers Bruder, dem Schweizer Musikwissenschaftler Hans Graeser, und gelangte 2013 als Geschenk durch dessen Nachfahren in die Zentralbibliothek Zürich. Dort befindet sich bereits seine umfangreiche Musikbibliothek, als Teil der Musikbibliothek Erwin Reuben Jacobi (Signatur: Mus Jac).

 

Literatur:
Hans Zurlinden, Wolfgang Graeser, München 1935