Staempfli, Edward (1908–2002)


Komponist

Porträt von Edward Staempfli

Signatur: Mus NL 77

Musikmanuskripte, Musikdrucke, Textmanuskripte, Druckschriften, Briefe, Tonträger, Bildmaterial, Varia. - 4.8 m.
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Edward Staempfli wurde am 1. Februar 1908 in Bern geboren. Staempfli erhielt mit sechs Jahren seinen ersten Klavierunterricht vom Vater. Er wurde von Carl Aeschbacher in Elementartheorie und Harmonielehre unterwiesen, setzte seine Ausbildung im Klavierspiel bei Siegfried Fritz in St. Gallen fort. Die musikalische Moderne interessierte ihn früh: Debussy einerseits, Hindemith andererseits, aber auch Strawinsky. Von Schönberg kannte er damals nur das op. 11 in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni. Es entstanden erste eigene Kompositionen: eine Sinfonische Dichtung, Streichquartette und eine Ouverture für Streichorchester. 1927 entschied sich Staempfli zuerst für das Studium der Medizin. Er brach dieses nach zwei Jahren ab, worauf er sich nach Köln begab, um bei Wilhelm Mahler und Philipp Jarnach Tonsatz und Kontrapunkt zu studieren. Beeindruckt zeigt er sich damals von Strawinskys Sacre du printemps. Kein anderes Werk habe ihn so beeinflusst, sagte er später.
Im Herbst 1930 reiste Staempfli nach Paris und studierte ein Jahr bei Paul Dukas. Dann lebte er als freischaffender Künstler im Kreis der Komponisten Marcel Mihalovici, Tibor Harsány, Filip Lazar, Pierre Octave Ferroud und Conrad Beck, kannte zudem bildende Künstler wie Giacometti und Derain. 1935 besuchte er den Internationalen Dirigentenkurs bei Hermann Scherchen in Brüssel. Er gewann dort internationale Anerkennung mit seinem Werk Musik für 11 Instrumente und wurde mit dem Prix Henry Le Boeuf ausgezeichnet.
Als 1939 der Weltkrieg ausbrach, kehrte Staempfli in die Schweiz zurück. Zuerst lebte er in Basel, dann ab 1944 in Lugano. Staempfli komponierte in der Zeit zwischen 1939 bis 1951 insgesamt 42 Werke. Seine Ballette wurden in Bern und Basel aufgeführt, Kammermusik an den Privatkonzerten von Hermann Gattiker in Bern gespielt, an den Festkonzerten des Schweizerischen Tonkünstlervereins standen seine Werke regelmässig auf dem Programm. Uraufführungen waren im Schweizerischen Radio zu hören, die Scherchen anregte.
1951 verliess Staempfli die Schweiz und zog erst nach Heidelberg, dann nach Berlin. Es ist die Zeit, da er entschieden die Prinzipien von Schönbergs Zwölftonmusik anzuwenden begann. Variations pour instruments à vents war sein erstes Werk, das ganz auf einer Zwölftonreihe basiert. Staempfli wurde nun zwar Delegierter des Schweizerischen Tonkünstlervereins am 2. Internationalen Zwölftonkongress. Dann gelangten seine Bläservariationen an den IGNM in Salzburg zur Aufführung. Doch in der Schweiz wurden seine Werke nicht mehr gespielt. - Wer sich noch Anfang der 60er Jahre in der Schweiz zu Schönberg bekannte, war verpönt.
Staempfli hielt in den 60er Jahren Vorträge über Schweizer Musik in den USA, Skandinavien und Israel. Er sprach im deutschen Rundfunk zu Schönberg, Debussy und Strawinsky.
Edward Staempfli verstarb im Januar 2002 in Berlin.
Dass Staempfli in Vergessenheit geriet, hat nichts mit der Qualität seiner Werke zu tun, eher gehört er der ‚falschen Generation‘ an: einerseits zu jung, als dass er sich bei Kriegsausbruch bereits einen Namen gemacht hätte, andererseits zu alt, um nach Kriegsende neu anfangen zu können. Es gilt Edward Staempflis Werke erst zu entdecken, denn die Hälfte davon, die wichtigen Werke, wie er sagt, sind nie aufgeführt worden.