Schütter, Meinrad (1910–2006)


Komponist, Pianist

Porträt von Meinrad Schütter

Signatur: Mus NL 2

Musikmanuskripte, Musikdrucke, Textmanuskripte, Tonträger. - 2 m.
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Meinrad Schütter wurde am 21. September 1910 in Chur geboren. Erste wichtige Musikeindrücke waren die Musik Arthur Honeggers, Igor Stravinskys und Othmar Schoecks. Neben Klavier- und Orgelunterricht erhielt Schütter bereits als Schüler Theoriestunden bei Antoine-Elisée Cherbuliez. Das Jahr 1939 verbrachte er dank eines Stipendiums in Rom, wo er unter dem Einfluss von Dallapiccola begann, mit Reihen zu arbeiten und sich mit der Dodekaphonie auseinanderzusetzen. Während des Krieges nahm er Fernunterricht bei Willy Burkhard, von 1950 bis 1954 studierte er bei Paul Hindemith an der Universität Zürich. Lange Jahre war er am Opernhaus Zürich als Ballettkorrepetitor und Beleuchtungsassistent tätig. Dort hatte er Gelegenheit, bei Aufführungen der grossen zeitgenössischen Werke des Musiktheaters mitzuwirken - wie etwa bei Brittens Peter Grimes oder Schönbergs Moses und Aron (letztere erfuhr in Zürich ihre szenische Uraufführung).

Schütters Musik wurde schon Ende der 1930er Jahre von den Dirigenten Hermann Scherchen und Alexander Schaichet entdeckt, die seine Orchesterwerke zur Aufführung brachten. Dass diese frühen Erfolge nicht zu grösserem Ruhm führten, liegt nicht zuletzt am Zweiten Weltkrieg, der die Verbreitung der Werke vieler Komponisten verhindert hat. Nach dem Weltkrieg war Schütter einer von mehreren Schweizer Komponisten seiner Generation, die nur noch wenig Beachtung unter ihren Landsleuten fanden - man denke an den Schönberg-Schüler Erich Schmid, Wladimir Vogel oder an Othmar Schoeck, dessen Oeuvre nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit geriet. Erst heute kommt Schütters Generation langsam wieder zu Geltung. Seine Werke werden zunehmend im In- und Ausland aufgeführt. Betrachtet man eine Partitur Schütters, so ist der erste Eindruck oft der einer freiatonalen, stark polyphonen, strengen, vielleicht sogar leicht akademisch konzipierten Musik. Die bis in die höchsten und tiefsten Lagen weit ausschweifenden Linien, die abrupten Wechsel zwischen forte und piano subito erinnern an den Expressionismus, wie er von Schönberg und seinen Schülern praktiziert wurde (nicht zufällig wurde Schütter vom Schönbergianer Hermann Scherchen gefördert). Und doch darf man Schütter anhand dieser rein optischen Musikbetrachtung nicht als Schönberg-Epigone ansehen. Bei Schütter besteht ein gewisser Hang zum Konstruktivismus, beim Hören seiner Musik entsteht jedoch ein wesentlich komplexerer Eindruck. Was dissonant oder hart aussieht, ertönt weich und schmiegsam, was expressionistisch anmutet, klingt frei von jeglichem pathologischen Exzess, und wo die Tonalität fehlt, meint man sie doch herauszuhören. Hinter der strengen Fassade findet man eine farb- und facettenreiche Musik einer oft verblüffenden Schönheit.

Zu Schütters Oeuvre gehören Werke fast aller Gattungen. Als Schwerpunkt ist sein umfangreiches Liedschaffen zu betrachten. Zu den Hauptwerken zählen ferner die Oper Medea, zwei Messen, das Klavierkonzert und eine Sinfonie. Meinrad Schütter hat 1995 seine Musikhandschriften der Zentralbibliothek Zürich geschenkt. Im September 2002 erfolgte die Gründung der Meinrad-Schütter-Gesellschaft mit Sitz in Binningen (Basel).

Meinrad Schütter starb am 12. Januar 2006 in Küsnacht.

 

Literatur:

Eidenbenz, Michael, Freiheit und Glück einer eigenen Sprache. Der Komponist Meinrad Schütter, Dissonanz, 81 (Juni 2003)
Kerle, Heinz, Meinrad Schütter, Bündner-Jahrbuch 1991, Chur 1991
Kirsch, Sebastian, Ein fast vergessener Komponist, Die Südostschweiz, 12.9.2000
Stoecklin, Ute (Hrsg.), Meinrad Schütter. Werkverzeichnis. Biographische Daten, Aarau 1997
Stoecklin, Ute, Meinrad Schütter, 1910-2006. Lebenswerk Musik oder "Die Kunst, sich nicht stören zu lassen", Bern 2010