Bibliothek des Zürcher Chorherrenstifts

Für das im Frühmittelalter gegründete Zürcher Chorherrenstift ist erstmals 1260 eine Bibliotheksorganisation bezeugt. Rechte und Pflichten des jeweils als «Librarius» amtenden Chorherrn sind aus den 1346 revidierten Stiftsstatuten bekannt; sonst aber fliessen die Quellen nur spärlich. Aus vorreformatorischer Zeit sind an grösseren Zugängen nur der Ankauf der mindestens 53 Bände des aus Trier gebürtigen Stiftsschreibers Petrus Numagen (ca. 1450–1517) sowie das 1519 vollstreckte Legat von 60 Bänden des Propstes Dr. iur. Johannes Mantz (gest. 1518) belegt. Sieben Jahre nach dem 1525 erfolgten und in geordneten Bahnen ablaufenden «Sturm» auf Bilder, Kultgeräte und Bücher begann der Chorherr und Hebraist Konrad Pellikan (1478–1556) mit dem Aufbau einer neuen Bibliothek mit den zu Stadt und Land vorhandenen Büchern aus Kirchenbesitz und der vom Stift für 200 Pfund angekauften Privatbibliothek Huldrych Zwinglis (1484–1531). Pellikans bis 1551 geführter Katalog weist 771 Bände (Handschriften und Drucke) mit ungefähr 1100 Titeln nach. 1570 wurde der handschriftliche Nachlass des Orientalisten Theodor Bibliander (gest. 1564) angekauft. 1588 erhielt die Bibliothek die von der Obrigkeit beschlagnahmte, mit 1'028 meist aquarellierten Federzeichnungen illustrierte Nachrichtensammlung des Chorherrn Johann Jakob Wick (1522–1588), einen mit 429 Einblattdrucken und etwa 500 Flugschriften durchsetzten Handschriftenbestand von 24 Bänden.

Nebst weiteren Schenkungen ging 1732 die reformationsgeschichtliche Dokumentensammlung des Kirchenhistorikers und Orientalisten Johann Heinrich Hottinger (1620–1667) in den Besitz des Chorherrenstifts über, so dass sich die Bandzahl während der Amtszeit von Johann Jakob Breitinger (1701–1776) als Bibliothekar auf 3'340 Bände vermehrte. Einige Jahrzehnte später wurden die ungefähr 3'500 Bände mit etwa 14'000 Titeln zum Grundstock der 1835 gegründeten Kantonsbibliothek erklärt.

Literatur:
Martin Germann: Die reformierte Stiftsbibliothek am Grossmünster Zürich im 16. Jahrhundert und die Anfänge der neuzeitlichen Bibliographie. Wiesbaden 1994 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen; Bd. 34).

 

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