Hans Sahl

HANS SAHL (Dresden 1902 – 1993 Tübingen)

HANS SAHL (Dresden 1902 – 1993 Tübingen)

1934 flieht Hans Sahl (eigentl. Hans Salomon) über Prag in die Schweiz. Um das rigorose Arbeitsverbot, dem Emigranten unterliegen, zu umgehen, wählt er Paris zum dauernden Aufenthaltsort, kehrt aber immer wieder für begrenzte Zeit nach Zürich zurück, wo er viele Freunde und Gönner, darunter Carl Seelig und Rudolf Jakob Humm, hat. Er schreibt Texte für die Kabaretts Cornichon und Pfeffermühle und bekommt 1938 den Auftrag, ein Festspiel zum 1. Mai für den Arbeitersängerverband der Schweiz zu schreiben. Die Aufführung des Chorwerks "Jemand", das mit den Holzschnitten Frans Masereels bei Oprecht erscheint, zieht Tausende von Menschen an. 1941 emigriert Sahl nach New York und arbeitet dort nach dem Krieg unter anderem auch als Korrespondent für die "NZZ".

Ich aber sage euch ...

Und doch sage ich euch:
Sie sind wunderbar gewesen.

Nicht so wie ihr glaubt:
Sie waren oft ängstlich und verzagt,
ungewaschen und mit Strohhalmen bedeckt.
In geborgten Schuhen gingen sie umher
und assen aus Schüsseln, die nicht ihnen gehörten.
Im Gesicht des andern erkannten
sie ihr eigenes Elend und hassten es.
Sie stritten oft miteinander
und verzankten sich,
und doch sage ich euch:
Sie sind wunderbar gewesen.

Nein, sie waren keine Helden.
Sie »dachten« nicht an Widerstand.
Er dachte an sie und wählte seine Leute.
Ist Überleben eine Leistung,
auf die man sich berufen darf?
Das Notwendige tun im Augenblick der Gefahr
Eine Ruhmestat?
Manche, die nicht dabei waren,
haben es als unzureichend empfunden.

Ich aber sage euch:
Sie sind wunderbar gewesen.
Der Mond über den Baracken
war ihr Mond allein.
Die Meister des Abendlandes auf den Lippen
bereiteten sie sich
kartoffelschälend
auf das Ende vor.

Sie haben die Meere bezwungen
im Bunker der Schiffe
und die großen Boulevards
im Rausch ihrer Ergriffenheit.
Sie sahen die Sonne in den tausend Fenstern
Manhattans gespiegelt bei der Einfahrt,
und die schwarzen Schwäne der Limmat
schnäbelten ihnen Liebe zu.
Sie haben Französisch gelernt, Englisch,
Spanisch, Chinesisch, Hebräisch,
Sie haben Bücher geschrieben und Bilder gemalt,
gute und schlechte,
und vielleicht wird nicht mehr
von ihnen bleiben als eben dies:
dass sie da waren und warnten
und Zeugnis ablegten
und Gesänge sangen
unter vielen Himmeln:
Peace, Pace, La Paix, Schalom – Friede.